Entscheidungshilfe
Baukasten, Standardsoftware oder Individualentwicklung?
Die Frage wird meist zu früh gestellt und zu grundsätzlich beantwortet. Ob Baukasten, Standardsoftware oder Eigenentwicklung das Richtige ist, hängt an wenigen, gut prüfbaren Merkmalen Ihres Geschäfts — nicht an Geschmack und schon gar nicht an Technologiebegeisterung.
Die drei Wege, kurz beschrieben
Ein Baukasten (Website-Builder, Shop-Baukasten, No-Code-Plattform) gibt Ihnen ein fertiges System, in dem Sie Inhalte und begrenzt auch Abläufe konfigurieren. Sie zahlen monatlich, starten in Tagen und bewegen sich innerhalb dessen, was der Anbieter vorgesehen hat.
Standardsoftware ist ein für eine Branche oder Aufgabe entwickeltes Produkt, das Sie einführen und anpassen: ein Warenwirtschaftssystem, ein CRM von der Stange, eine Praxissoftware. Der Funktionsumfang ist groß, die Anpassbarkeit begrenzt, die Einführung ein eigenes Projekt.
Individualentwicklung heißt, dass die Software um Ihren Prozess herum gebaut wird statt umgekehrt. Sie kostet zu Beginn am meisten, gehört Ihnen und kennt keine fremde Produktstrategie.
Wann der Baukasten die richtige Wahl ist
Wenn Ihr Bedarf einem verbreiteten Muster folgt und Sie keinen Prozess haben, der Sie von Wettbewerbern unterscheidet, ist ein Baukasten sachlich überlegen. Eine Visitenkarten-Website mit Kontaktformular, ein kleiner Shop mit Standardversand, ein Newsletter — dafür Individualsoftware zu beauftragen, ist Geldverbrennung.
Wir sagen das offen, weil der umgekehrte Fall häufiger vorkommt, als Sie denken: Firmen, die für 20.000 Euro nachbauen lassen, was 30 Euro im Monat gekostet hätte, weil ihnen jemand ein Angebot gemacht hat, statt eine Frage zu stellen.
Der Preis des Baukastens ist die Abhängigkeit. Sie sind an Preismodell, Funktionsumfang und Fortbestand des Anbieters gebunden, und Ihre Daten liegen in dessen Struktur. Solange Ihr Bedarf im Rahmen bleibt, ist das ein fairer Handel.
Wann Standardsoftware genügt
Standardsoftware lohnt sich, wenn Ihre Anforderungen in einer Branche üblich sind und jemand sie bereits sauber gelöst hat. Sie bekommen jahrelang gereifte Funktionen, die Sie einzeln nie bezahlen könnten, und Sie profitieren von der Weiterentwicklung.
Die Rechnung kippt, wenn die Einführung zur Anpassungsorgie wird. Wenn nach dem dritten Workshop feststeht, dass drei Ihrer Kernprozesse „so nicht vorgesehen" sind und über Zusatzmodule, Makros und Exceltabellen daneben gelöst werden müssen, zahlen Sie am Ende zweimal: Lizenzen und Umgehungsaufwand.
Eine brauchbare Faustregel: Passt Ihr Betrieb zu achtzig Prozent in den Standard, nehmen Sie den Standard und passen sich in den übrigen zwanzig an. Liegen Sie darunter, prüfen Sie die dritte Option ernsthaft.
Wann sich Individualentwicklung rechnet
Es gibt vier Situationen, in denen wir vorbehaltlos zur Eigenentwicklung raten:
- Ihr Prozess ist Ihr Wettbewerbsvorteil. Wenn Sie schneller, genauer oder günstiger arbeiten als andere, weil Sie es anders machen, dürfen Sie sich diesen Vorteil nicht von einer Standardlösung wegkonfigurieren lassen.
- Lizenzkosten skalieren gegen Sie. Bei Preisen pro Nutzer und Monat kann eine wachsende Mannschaft eine Eigenentwicklung in drei bis fünf Jahren wirtschaftlich machen — das lässt sich vorab durchrechnen.
- Sie brauchen echte Integration. Wenn drei Systeme dieselben Daten kennen müssen und niemand sie sauber verbindet, ist die Verbindung selbst der Wert, den Sie kaufen.
- Die Daten sind geschäftskritisch. Wo Sie Hoheit über Speicherort, Aufbewahrung und Löschung brauchen, ist Eigenentwicklung oft der einzige Weg, der wirklich funktioniert.
Der Mittelweg, den viele übersehen
Die Entscheidung ist selten alles-oder-nichts. Häufig ist die beste Lösung eine Standardkomponente für das Verbreitete, ergänzt um eine kleine eigene Anwendung für genau den Teil, der Sie ausmacht. Eine Buchhaltung kaufen und die Auftragsannahme selbst bauen ist fast immer klüger, als beides selbst zu bauen oder beides zu kaufen.
Genauso legitim ist der schrittweise Weg: mit einem Baukasten starten, um zu lernen, was Sie eigentlich brauchen, und die gewonnenen Erkenntnisse in eine Eigenentwicklung überführen, sobald sie sich rechnet. Der Baukasten war dann kein Fehlkauf, sondern die günstigste Form der Anforderungsanalyse.
Häufige Fragen
Woran merke ich, dass ich aus dem Baukasten herausgewachsen bin?
An den Umgehungslösungen. Sobald Ihr Team regelmäßig Tabellen, Notizzettel oder Doppeleingaben braucht, um die Software zu ergänzen, zahlen Sie den Preis der Grenzen bereits — nur in Arbeitszeit statt in Rechnungen.
Können Sie auch beraten, ohne selbst zu entwickeln?
Ja. Eine Einschätzung, welcher der drei Wege zu Ihrer Situation passt, ist Teil unseres Erstgesprächs und für uns kein Verkaufstermin. Wenn ein Produkt von der Stange Ihr Problem löst, sagen wir das.
Gehört mir der Quellcode bei einer Individualentwicklung?
Ja. Wir übergeben den vollständigen Quellcode samt Repository. Sie sind nicht darauf angewiesen, dass wir weiter für Sie arbeiten — das halten wir für die Voraussetzung einer ehrlichen Zusammenarbeit.
